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Witten: Azubis lernen, wie sich Ü80-Kunden fühlen

Witten – Die Schlange an der Supermarkt-Kasse wird lang und länger. Maximilian Wietzke sucht nach Kleingeld im Portemonnaie. Gar nicht so einfach, wenn die Finger steif sind und die Augen nur verschwommen sehen. Max ist 20 Jahre alt, Supermarkt-Azubi und topfit. Jetzt lernt er, wie sich seine Ü80-Kundschaft beim Bezahlen fühlt!

Der Supermarkt liegt direkt neben einem großen Seniorenheim. Das brachte Alten- und Einkaufszentrum auf die Idee zur Zusammenarbeit.


Alltagssituation: Die Handschuhe schränken die Feinmotorik ein – so sollen die Azubis merken, wie schwierig es für die Kunden sein kann, das Kleingeld im Portemonnai zu finden
Alltagssituation: Die Handschuhe schränken die Feinmotorik ein – so sollen die Azubis merken, wie schwierig es für die Kunden sein kann, das Kleingeld im Portemonnaie zu findenFoto: marco stepniak

Bei der Schulung werden alle Lehrlinge in einen Anzug gesteckt, der älter macht. Das Gehör wird durch Ohrenschützer gedämpft, eine Brille simuliert Sehschwäche. Gewichtsmanschetten und Handschuhe schränken Beweglichkeit und Feinmotorik ein.


Eigentlich einfach: Die Azubis Atlana Schmidt (19) und Maximilian Wietzke (20) beim Joghurt Essen – mit eingeschränkten Sinnesorganen
Eigentlich einfach: Die Azubis Atlana Schmidt (19) und Maximilian Wietzke (20) beim Joghurt essen – mit eingeschränkten SinnesorganenFoto: marco stepniak

„Die jungen Leute sollen für den Umgang mit Kunden jenseits der 80 und deren Einschränkungen sensibilisiert werden. So können die Mitarbeiter besser auf die Senioren reagieren und sind selbst nicht hilflos“, sagt Altenheim-Chef Andreas Vincke (55) zu BILD. Im Simulationsanzug müssen die Azubis u. a. Verpackungsschriften vorlesen und einen Joghurt essen. Maximilian zu BILD: „Es ist schlimm, nicht hören zu können. Man fühlt sich isoliert und ausgeschlossen.“ Auch Kollegin Atlana Schmidt (19) ist nachdenklich: „Bisher habe ich nicht so viel über die Sichtweise der Kunden nachgedacht, aber jetzt fühlt man mit.“

Jürgen Jentsch (79), Vorsitzender der Landesseniorenvertretung NRW ist begeistert von dem Training, sagt: „Der Bedarf ist da, denn viele Menschen mit altersbedingten Einschränkungen gehen nicht gerne einkaufen. Sie stehen im Laden wie ein begossener Pudel.“ Nicht so im „Boni Center“. Da ist der Kunde König – auch der alte Kunde!