/Leopold Kuchwalek gibt noch Schwimmunterricht: Vom Glück,102 zu werden

Leopold Kuchwalek gibt noch Schwimmunterricht: Vom Glück,102 zu werden

Vielleicht fühlt ein Leben sich länger an, wenn man etwas für andere tut. Wer weiß – vielleicht wird es sogar wirklich länger.

Berlin – Leopold Kuchwalek aus Lichterfelde West jedenfalls ist seit Januar 102 Jahre alt. 102 Jahre selbstbestimmtes Leben im selbstgebauten Haus, gute Familie, auskömmliche Rente. Und ein ganzer Kasten voller Auszeichnungen, Abzeichen, Berlin-Orden: Denn seit fast 40 Jahren bringt er ehrenamtlich beim Roten Kreuz Kindern das Schwimmen bei – mehr als 1000 sind es inzwischen, haben seine Kollegen errechnet.

Sein Lohn: dankbare Eltern und Großeltern, wo immer er hinkommt. Ein bisschen Ruhm – er war schon im Fernsehen und sogar in einer Zeitung im fernen Japan. Dazu eine kräftige Muskulatur gegen Rückenschmerzen, eine unfassbare Fitness – und Lachfalten.

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Die Blumentapete hat seine Frau ausgesucht, doch Leopold Kuchwalek (102) lebt nun allein in seinem Haus

Vielleicht will er bald aufhören. Die Füße tun ihm weh. Aber vielleicht fährt er auch noch eine Weile mit dem 188er-Bus in die Schulschwimmhalle am Teltower Damm. Der Fahrplan hängt an der Wohnungstür. Seinen goldfarbenen Passat hat er vor fünf Jahren abgegeben.

Schwimmen ist wie Leben mit einer Lebensgefahr weniger

Wie bringt man Kindern Schwimmen bei?

„Ach, das ist nicht schwer. Man muss ihnen Mut machen! Komm, du kannst das, schwimm mal her zu mir, ich halte dich fest!“ So etwa. Er ist immer mit im Wasser, immer bereit zum Helfen, das nimmt die Angst – nicht so ein Schwimmlehrer, der am Beckenrand Kommandos gibt. Schwimmflügel? „Brauchen die doch gar nicht!“

Und das stimmt: Fröhlich planschen die Kinder unter seinen hellblauen Augen durchs Wasser und bewegen sich dort so sicher wie selbstverständlich. Lernen von Leo, wie sie die Finger so schließen, dass die kleinen Hände mehr Wasser wegschaufeln können.

Schwimmen, das ist wie Leben in einer weiteren Dimension. Wie Leben mit einer Lebensgefahr weniger.

Leopold selbst hatte das schmerzlich erfahren. „Ich war in Wien bei meinem Onkel, es war 1933, und er sagte: ,Was, du kannst doch wohl schwimmen, mit 16!‘ Und stieß mich in die Donau!“ Leopold hechelte, strampelte, krabbelte schließlich in Todesangst das Ufer wieder hoch. „Beinahe ersoffen, in der Donau!“

Zurück in Berlin brachte er sich das Schwimmen bei. Im Hohenzollernkanal – so hieß damals der Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal. Allein.

Da war von Ehrenamt noch nicht die Rede – dafür war erst Zeit, als er viele Jahre später Rentner wurde. Zunächst lernte er Maschinenschlosser bei der AEG. Kaufte 1938 an der Haubachstraße Ecke Wilmersdorfer in einem kleinen alten Haus, das heute noch steht, sein DKW-Motorrad für 882 Reichsmark, die Rechnung hat er noch. Ging tanzen – und lernte Hildegard kennen, damals „16 einhalb“. Sie war nicht die erste, mit der er getanzt hat. „Aber sie war die zweite, und dann wurde sie meine Braut.“

Hochzeit am 14. Februar 1942 im Standesamt im Rathaus Steglitz, da war er schon Soldat.

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Das Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1943, im Hintergrund die Tür zum Rathaus Steglitz

„Ehe ist, wenn man bleibt“

Im August 1943 bekam er Fronturlaub – nicht, weil Tochter Helga geboren wurde, sondern weil Mutter und Kind in Lebensgefahr waren. „Meine Hilde überlebte, aber die kleine Helga nicht, sie konnte nicht richtig atmen…“ Die wasserblauen Augen füllen sich mit Tränen, selbst 76 Jahre danach.

Als der Krieg vorbei war, und die russische Kriegsgefangenschaft auch, als er also 1946 zurückkehrte ins kriegszerstörte Berlin, gab es seinen AEG-Arbeitsplatz nicht mehr. Leopold Kuchwalek machte eine Installateur-Lehre, wurde Geselle, Meister, selbstständig. Sohn Hans wurde einer seiner Gesellen, und Hilde machte die Buchführung.

Vor vier Jahren ist sie gestorben: „Mein Hildchen.“ Mit fast 96 Jahren. Es war eine gute Ehe: „Glücklich, ja! Wir haben gelernt, einfach nicht wegzugehen. Ehe ist, wenn man bleibt.“

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Vor vier Jahren ist seine Ehefrau Hildegard gestorben. Ihr Foto steht zweimal auf seinem Bord

Geblieben sind Erinnerungen. Hildes Dürer-Hase an der Wand, das Bild von ihrer Heimatstadt Halle, ihre Vogelbilder. Ihre Nähmaschine im Wohnzimmer. Die Stuhlkissen, die sie alle selber genäht hat. Ihr Foto auf der Kommode, einmal groß, einmal sehr groß. Klein daneben das Foto ihres Sargs, mit großem Rosengesteck.

So kocht er sich mittags alleine Pellkartoffeln. Steht jeden Morgen früh auf, rasiert sich mit Pinsel und Seife. Geht mit einem Glasschälchen in den romantisch verwilderten Garten und pflückt die frisch gereiften Brombeeren von dem dornigen Strauch unter dem alten Pflaumenbaum.

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Vor fünf Jahren hat Leopold Kuchwalek sein Auto abgegeben

Schön, wenn es ein Tag ist, an dem jemand zu Besuch kommt. Sein Sohn, weit über 70, wohnt nebenan und holt die Wäsche seines Vater ab, das muss er nicht mehr alleine machen. Tochter Moni, auch über 70, wohnt wenige Straßen weiter. Zu Besuch kommt jedenfalls Katze Polly, die mehrere Häuser und Gärten in der idyllischen Nachbarschaft bewohnt.

Idyllisch war es hier nicht immer. „Mein Haus war eine Kriegsruine, stand fast 20 Jahre leer“, sagt Leopold Kuchwalek, „ein halbes Doppelhaus – die andere Hälfte war unversehrt geblieben!“

Für 4600 D-Mark hat er es 1963 gekauft und Stein für Stein wieder aufgebaut, mit Hilde, mit Freunden, mit Handwerkern aller Zünfte: Dachdecker, Maurer, Maler. Die Installationsarbeiten konnte er natürlich selbst, sofort sind die Lachfalten wieder da: „Gas, Wasser, Schiete – det is meins!“

Seins, das ist vor allem Zuverlässigkeit. Eine Mischung aus Lebensfreude und Bodenständigkeit. Wie oft waren sie in Italien, immer mit dem VW-Bus, und das eigene Grundstück in Kellenhusen an der Ostsee. Und nach und nach 43 Mal das Sportabzeichen, Lieblingsdisziplin: Schwimmen.

Ehrenamt mit 102 Jahren

Am 1. März 1984 bekam er seinen Mitgliedsausweis vom Deutschen Roten Kreuz. Schwimmlehrer, Ehrenamt. „Ich wollte etwas für die Gesellschaft tun. Mit der Politik habe ich es nicht so – als Politiker hat man immer nur einen Teil der Bevölkerung hinter sich, ist aber für alle verantwortlich. Als Ehrenamtlicher kann ich mich um die kümmern, die es wollen und brauchen.“

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Sein „Schmuck-Kasten“: Er ist voll mit Ehrenabzeichen, Berlin-Orden und 43 Sportabzeichen

Er wird persönlich, so ernst ist ihm das: „Das kann ich Ihnen nur raten – Sie finden bestimmt auch was!“

Vielleicht lernen also noch ein paar Kinder zu schwimmen, weil Leopold Kuchwalek etwas für andere tut. Mit 102 Jahren.