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Berliner Rentnerin Brigitte Grothum: „Die Gefühle bleiben doch dieselben. Egal wie alt man ist“ | Regional

Nein, gejoggt ist sie nie. Skifahren, ja, aber nicht gut. Sport, wieso fragen Sie?

Berlin – Weil jeder sich das fragt. Weil man es nicht fassen kann. 84 Jahre! Wie sie da die neun Stufen vom Haus in den Garten runterkommt: freihändig, leichtfüßig. So beweglich wie andere mit halb so vielen Lebensjahren nicht. Sie lacht, die blauen Augen blitzen – Falten, ja, aber irgendwie sind es alles Lachfalten. Die Bergkristall-Ohrringe tanzen, einer ist verkehrt herum angeklippt. Macht nichts.

Brigitte Grothum. Berlins bekannteste Schauspielerin. Magda Färber vom Grill-Imbiss, Königin Elisabeth mit 36-Kilo-Kostüm bis vor einer Woche in Bad Hersfeld auf der Bühne. 28 Jahre lang die Frau „Jedermann“.

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1955 fotografierte die berühmte Theater-Fotografin Ilse Buhs (1907–1994) sie mit ihrem Pudel „Benjamin“

Foto: Christian Lohse

Einzelkind. Mit nichts als den Kleidern am Leib kam sie mit den Eltern 1950 nach West-Berlin. Da stand zwar die Mauer noch nicht, aber Flucht war bei hohen Haftstrafen verboten, in Zügen und der S-Bahn wurde strengstens kontrolliert. Deshalb konnten sie kein Gepäck mitnehmen, durften nicht auffallen. „Wir waren aus Dessau“, erzählt sie, „da wurden wir ausgebombt. Mein Vater wurde noch mit 50 Jahren zur ,Panzerfaust‘ eingezogen.“

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Restpostkarten: Wie viele Autogrammkarten sie schon unterschrieben hat, kann sie nicht mal schätzen

Foto: Christian Lohse

Ihr Vater, den sie liebevoll „Pfati“ nannte, oder später „Hakai“, wie „Hamster-Kaiser“, weil er immer etwas mitbrachte in seinem Rucksack von seinen Hamstertouren; ein paar Eier, ein Brot. „1946 zogen wir nach Borkheide in der Mark, denn mein Vater musste die Firma seines Schwagers übernehmen, der gerade gestorben war. Hans Grade, er war Flugzeugbau-Pionier.“ Ein berühmter – noch 2003 benannte die Luftwaffe einen Airbus nach ihm. „Aber die DDR-Regierung wollte uns enteignen, 1950 passierte das.“ Grothums flüchteten in den Westen.

„Ich hatte oft Traumrollen“

In Charlottenburg wurden sie bei einem Pianisten einquartiert. Brigitte ging auf die Ricarda-Huch-Schule, damals noch ein Mädchen-Gymnasium. Wollte Schauspielerin werden. „Erst das Abitur“, sagte der Vater. 1954 bekam sie die erste kleine Rolle. Und das Abi.

Sie wurde eine Schauspielerin ohne Schublade. „Ich hatte oft Traumrollen. Aber ich war auch nicht wählerisch – zum Beispiel nach den Kindern oder dann so mit 50, da musste ich manches Mal entscheiden, warte ich auf ein besseres Angebot oder mache ich das jetzt. Ich wollte immer spielen!“

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Bis zum 1. August spielte sie in Bad Hersfeld die Königin Elisabeth in „Shakespeare in Love“

Foto: Christian Lohse

Die tollste Rolle war die Julia. „Ich hatte links die deutsche Übersetzung von Schlegel/Tieck liegen und rechts das Original. Shakespeare war deutlicher, oft grober. In der Balkon-Szene sagt die deutsche Julia ,Romeo, warum denn Romeo?‘ Bei Shakespeare steht da einfach: ,O Romeo, Romeo…!‘ Es klingt viel verzweifelter. So habe ich das dann betont.“

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Erstausgaben von Büchern sind ihre Leidenschaft, zum Beispiel Schillers „Die Jungfrau von Orléans“ von 1804. Das Buch bewahrt sie versteckt in einem anderen Buch auf

Foto: Christian Lohse

Etwa 500 Rollen hat sie bisher gespielt. So viel Text… „Ach, der Text! Viel größer ist die Aufgabe, sich in die Figur einzufühlen. Ich muss etwas von ihr tief in mir selbst finden.“ Auch, wenn es eine Mörderin ist, eine Betrügerin. „Trotzdem ein Mensch bleiben. Und zugleich die Figur nicht dem Zuschauer sympathisch machen.“

Einmal fand sie keinen Zugang: Bei der Amalia in Schillers „Die Räuber“, in Zürich. „Ich weiß nicht, ob andere das gemerkt haben. Aber ich hörte von vielen Schauspielerinnen, die stimmt irgendwie nicht, schon als Rolle.“

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In die „Häschenschule“ schrieb ihr humorvoller Vater als Widmung: „Ein Kodex für große und kleine Hasen unserem lieben Hasenkind zum 22. Geburtstag – Pfati“

Foto: Christian Lohse

Leichter war das bei Magda Färber, der einen der „Drei Damen vom Grill“. Berlin hat sie geliebt dafür. „Ich mochte sie auch. Schnodderig, direkt, sehr herzlich. Drei Frauen, die nicht mehr wollten, dass ihnen ein Chef auf den Po klatscht und sich kurzerhand selbstständig machen. Das war revolutionär!“

Immer noch hallt auch das Echo der „Jedermann“-Festspiele

Ein einmaliger Film sollte es 1976 sein. Dann eine Mini-Serie. Es wurden 14 Jahre, mit festem Publikum in Ost und West. Der Imbiss am Nollendorfplatz, später am Steubenplatz, stand zuletzt in der Arminius-Markthalle in Moabit – da gibt es ihn immer noch, als echten Imbiss.

Immer noch hallt auch das Echo der „Jedermann“-Festspiele. 28 Jahre lang hat Brigitte Grothum sie geleitet, auf eigenes Risiko, aber fast jede Aufführung war ausverkauft; Gedächtniskirche, Dom. Angefangen hatte es in Kreuzberg, weil der damalige Bürgermeister sie bat, doch etwas für Kreuzberg zu tun. Da standen sie gerade in der Thomas-Kirche. Brigitte Grothum murmelte einen Satz des „Glaubens“ aus dem Stück „Jedermann“: „Hast mich dein Leben lang verlacht, und Gottes Wort für nichts geacht‘…“

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Mischlingshündin „Grete“ konnte sprechen: „Wenn ich etwas sagte, sagte sie ,Jauuu‘!“

Foto: Christian Lohse

„Was ist das? Das machen wir!“, rief der Bürgermeister. Sie trommelte die erste Truppe zusammen, ihr Mann, der Orthopädie-Professor Manfred Weigert (89), spielte die Orgel. Viele berühmte Stars machten in den folgenden Jahren mit. Einmal verhandelte sie mit Peter Sattmann (71): „Gut, wenn du noch ein Jahr den Teufel spielst, nehme ich einen von deinen Welpen!“ Das wurde ihre geliebte Grete, 2014 ist sie gestorben, mit 15 Jahren.

„Immer erst mal hinhören!“

So viele Rollen hat sie gespielt. Doch von einer träumt sie noch, eine zwiespältige Frau, Bühne: Berlin. Aber mehr verrät sie nicht, sonst geht es vielleicht nicht in Erfüllung. Nächstes Jahr erst mal wieder Schlosspark-Theater, die Fortsetzung von „Monsieur Claude und seine Töchter“. Der lauter Männer mit Migrationshintergrund als Schwiegersöhne bekommt, zuerst verzweifelt, dann glücklich ist.

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„Ich hab keinen grünen Daumen“ – aber sie liebt ihren Garten mit den alten Kiefern

Foto: Christian Lohse

Sie, die Mutter, ist das Herz der Familie. „Dass wir Menschen nach ihrem Äußeren beurteilen, nach ihrer Herkunft, Hautfarbe – das müssen wir alle endlich lernen, dass das nicht geht! Es geht nur um den Menschen. Immer erst mal hinhören!“ Da kann sie wütend werden. Auch mit dem Klimaschutz: „Dass jetzt kleine Mädchen auf die Straße gehen und demonstrieren müssen…!“ Seit einem halben Jahr isst sie deshalb nur noch ganz wenig Fleisch.

Wie ist es denn nun, wenn man älter wird? Sie kann nicht viel anfangen mit der Frage. „Ist vielleicht ein Fehler“, sagt sie nachdenklich. Sie muss an eine Freundin denken: „Als sie mit 96 Jahren im Sterben lag, sagte sie zu mir: ,Brigitte, ich habe so Herzeleid!‘ Ihr Mann ging fremd, und das schmerzte, selbst noch an der Schwelle des Lebens! Die Gefühle bleiben doch dieselben. Egal wie alt man ist …“

Sie schaut zum Haus hinauf, seit 42 Jahren leben ihr Mann und sie hier, gerade war Goldene Hochzeit, gefeiert mit den Kindern. „Die Liebe meines Lebens, ja! Wir streiten noch immer jeden Tag – und versöhnen uns, jeden Tag.“ Die Ohrringe tanzen, jetzt beide richtig herum.