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Berlin macht ersten Kiez dicht: So sieht die autofreie Stadt aus? | Regional

Poller-Invasion im Berliner Samariter-Kiez. Bauarbeiter rammen die rot-weiß geringelten Metallsäulen 30 Zentimeter tief ins Straßenpflaster. Mal quer von Gehweg zu Gehweg, mal diagonal über eine ganze Kreuzung.

Berlin – Der Bezirk Friedrichshain macht den ersten Kiez dicht! Sieht so die Zukunft unserer autofreien Stadt aus?

„Die Sperren sind ein wichtiger Baustein für die Mobilitätswende in unserem Bezirk“, sagt Baustadtrat Florian Schmidt (44, Grüne). „Auf Wunsch von Anwohnern verringern wir den Durchgangs-Autoverkehr.“


Die neuen Sperrungen im Samariterkiez

An der Schreinerstraße ist die Kreuzung diagonal gesperrt. Anwohner kritisieren, dass Fahrzeuge aus der Voigtstraße in einen Tempo-10-Bereich und vorbei am Drachenspielplatz gelenkt werden. Florian Mü
An der Schreinerstraße ist die Kreuzung diagonal gesperrt. Anwohner kritisieren, dass Fahrzeuge aus der Voigtstraße in einen Tempo-10-Bereich und vorbei am Drachenspielplatz gelenkt werden. Florian Müller (39) nervt: „Jetzt fahren viel mehr Fahrzeuge unter meinem Balkon lang“Foto: Ralf Lutter

Der Samariter-Kiez liegt eingezwängt zwischen dem Gewerbegebiet Alter Schlachthof im Norden und der Frankfurter Allee im Süden. Autofahrer nehmen hier häufig eine Abkürzung, auch von und nach Prenzlauer Berg. Das Navi zeigt die kürzere Strecke ja auch an.

Kein Wunder, dass Verkehrszählungen bis zu 450 Pkw pro Stunde ergaben. Dabei liegen in diesem Kiez zwei Grundschulen, ein Gymnasium und zwei große Kitas. Bereits im Sommer 2017 hatte das Bezirksparlament den Bau-Stadtrat beauftragt, ein Konzept zu entwickeln.


Manfred Kranz (74, Polsterer) liebt seinen Kiez, weil er so schön ruhig ist. Er versteht die Sperrung vor der Samariterkirche nicht. „Für die Autofahrer bedeutet das doch nur, dass sie einen Umweg um
Manfred Kranz (74, Polsterer) liebt seinen Kiez, weil er so schön ruhig ist. Er versteht die Sperrung vor der Samariterkirche nicht. „Für die Autofahrer bedeutet das doch nur, dass sie einen Umweg um die Kirche drumherum fahren müssen. Das kostet Benzin, belastet die Umwelt“Foto: Ralf Lutter

Aber während der jetzt laufenden Bauarbeiten sorgt die geplante Verkehrsberuhigung für jede Menge Unruhe!

► Blumenhändlerin Melanie Bertram (43) fühlt sich völlig überfahren: „Der Weg zu meinem Laden wird jetzt viel komplizierter. Ich fürchte, da bleiben dann Kunden weg.“

► Ein anderer Anwohner hat eine eigene Theorie: „In der Initiative, die für die Sperrungen gekämpft hat, sind doch lauter Hinzugezogene, die Ruhe vor ihren Eigentumswohnungen wollen.“

► Ein Lkw-Fahrer hat das neue Sackgassen-Schild auf der Pettenkoferstraße übersehen, muss kompliziert zurücksetzen, fragt entnervt: „Wie komme ich jetzt zu der Gaststätte, die ich beliefern muss?“


Athanasia Rousiamawi-Goldthau (43, zwei Kinder) findet die Lösung mit den Sperrungen sehr gut. „Wir haben kein Auto, wie die meisten hier im Kiez. Hier fahren vor allem Leute durch, die schneller zum
Athanasia Rousiamawi-Goldthau (43, zwei Kinder) findet die Lösung mit den Sperrungen sehr gut. „Wir haben kein Auto, wie die meisten hier im Kiez. Hier fahren vor allem Leute durch, die schneller zum Baumarkt oder ins Kaufland wollen“Foto: Ralf Lutter

Kommenden Dienstag wird noch ein Kiez dicht gemacht – in Berlin-Kreuzberg. Die Poller werden eingebuddelt auf zwei Kreuzungen der Wrangelstraße (Höhe Falkenstein- und Cuvrystraße). In beiden Gebieten überprüft das Bezirksamt nach einem Jahr, was die Sperrungen gebracht haben.